Bild zeigt 3 Grafiken von Personen mit Trauer und Wut

Mein emotionalster Moment als Therapeutin

Julia Georgi hat zu einer Blogparade zum Thema „Mein emotionalster Moment als Coach oder Therapeutin“ aufgerufen, an der ich hiermit gerne teilnehme – auch wenn ich nicht nur über einen kurzen emotionalen Moment berichten möchte. Es ist alles etwas komplexer und viele Momente reihen sich aneinander.

Denn ich bin wütend. Und enttäuscht. Und verärgert. Und letztlich v.a. besorgt. Das ist die Kurzfassung. Der Weg zu diesen Gefühlen ist leider länger.

Mein Name ist Elke Kumar. Seit 2004 arbeite ich bereits als selbständige Ergotherapeutin in eigener Praxis im schönen Rhein-Neckar-Kreis, etwa 18 km nördlich von Heidelberg.

Als Ergotherapeutin arbeite ich mit Menschen aller Altersklassen und natürlich auch mit ihren Angehörigen. Neben der Behandlung bei neurologischen und geriatrischen Erkrankungen bildet die Ergotherapie bei Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten einen besonderen Schwerpunkt.

Heute habe ich eine Auswertung gemacht. Seit Beginn meiner digitalen Dienstplangestaltung im März 2006 bis zum heutigen Tag im November 2022 habe ich insgesamt bereits ganze 13.432 ergotherapeutische Behandlungen durchgeführt. 

Diese Zahl war für sich allein schon sehr (positiv) emotional für mich. Letztlich steht hinter jeder Zahl ja ein ganz persönlicher Kontakt zu einem Menschen und seinen Angehörigen. 

Damit mein Tun möglichst sinnvoll ist, habe ich im Laufe der Jahre viel Zeit und Geld in Fort-und Weiterbildungen investiert. Denn tatsächlich reicht das Wissen aus der 3-jährigen Berufsausbildung zur Ergotherapeutin nicht wirklich aus, um tiefgründig helfen zu können. Ein Aufbaustudium zur Diplom-Ergotherapeutin folgte, diverse methodenspezifische Fortbildungen, eine dreijährige Weiterbildung zur Lerntherapeutin, eine Fortbildung zur Kursleiterin für Babymassage sowie eine 500-stündige Weiterbildung zur Yogalehrerin.

Doch dass Therapeut:innen Geld und Zeit in Fort- und Weiterbildungen investieren wird in unserem Gesundheitssystem nicht honoriert.

Die gesetzliche Krankenkasse bezahlt für eine Therapiestunde Ergotherapie immer einen gleichbleibenden Pauschalbetrag. Ganz unabhängig davon, ob eine Berufsanfängerin die Behandlung durchführt oder eine Person, die mehrere 10.000 Euro in die Weiterbildung gesteckt hat oder über mehr als 17 Jahre Berufserfahrung verfügt.

Es ist also quasi mein Pech, dass mir das Geld nun nicht mehr für meine persönliche Altersvorsorge zur Verfügung steht. „Selbst schuld“ höre ich da einen Anteil in mir. „Warum bist du denn so dumm, wenn es doch nicht honoriert wird“? Tja. 

Aber gut, es stimmt ja. Es ist meine eigene Entscheidung gewesen. Niemand hat mich gezwungen. 

Ein wenig anders sieht es da mit anderen Aspekten in meiner Branche aus. Denn es gibt immer mehr Punkte, die von außen vorgegeben werden und bei denen es für selbständig tätige Therapeut:innen wie mich kaum mehr Handlungsspielraum zu geben scheint. 

Viele Fachkräfte haben sich gerade in den letzten Jahren durch die Bedingungen gezwungen gesehen, sich aus den Therapieberufen zu verabschieden.

Im Speziellen meine ich hier die Bedingungen des Gesundheitssystems, in dem wir uns aktuell befinden – inklusive der Rahmenbedingungen der gesetzlichen Krankenkassen. 

Es gibt so viele Punkte, die mich emotional werden lassen – unmöglich, da einen einzigen herauszupicken.

Kaum Fachkräfte verfügbar

Ich kann z.B. vom Fachkräftemangel berichten, der schon jahrelang und nicht erst seit Corona besteht. 

Ich suche z.B. schon jahrelang weitere sympathische und kompetente Ergotherapeuten:innen mit Herz und Hirn. Bisher erfolglos. 

Selbst die Agentur für Arbeit hat sich aus der Vermittlung von Therapeut:innen für meine ausgeschriebene Stelle zurückgezogen. Ich müsse diese künftig selbständig auf der Onlineplattform pflegen – die Agentur könne aufgrund des Fachkräftemangels nicht helfen.

Hier die enttäuschende Nachricht der Agentur für Arbeit.

Nun gut. Glücklicherweise bin ich onlineaffin und in der Lage, mich einzuarbeiten. Neue Fachkräfte hat mir das Portal jedoch nicht beschert.

Keine Schulgeldfreiheit

Ich kann davon berichten, dass kaum mehr Menschen in die Therapieberufe finden. Ein Punkt unter mehreren ist nämlich, dass die dreijährige Berufsfachschulausbildung an den allermeisten Schulen Schulgeld kostet und es keine Ausbildungsvergütung gibt. 

Bereits 2021 hatten die zwei Regierungsfraktionen von Baden Württemberg (Die Grünen und auch CDU) im Wahlprogramm der Landtagswahl die Schulgeldfreiheit zugesagt und dies später auch im Koalitionsvertrag festgelegt. Weder ist dies bis heute im Baden-Württemberg umgesetzt noch besteht derzeit eine bundesweite Schulgeldfreiheit. 

Eine freie Berufswahl ist somit derzeit nur denen möglich, die über genügend Geld verfügen, von Eltern finanziert werden, Schulden aufnehmen oder neben der Vollzeitausbildung noch diverse Nebenjobs ausführen. So wird der Beruf bei gleichzeitiger Inflation und steigender Lebenskosten zunehmend unattraktiver und junge Menschen entscheiden sich trotz großem Interesse für die Ergotherapie letztlich doch für einen anderen Weg, wie eine Mutter beispielhaft in diesem Facebookbeitrag in den Kommentaren berichtet. 

Denn:

Geringes Gehalt als angestellte Therapeut:in

Ich kann auch davon berichten, dass man zumindest hier in der teuren Rhein-Neckar-Region nur noch schwer von dem Gehalt einer in freier Praxis angestellten Ergotherapeutin leben kann, wenn es nicht noch zusätzliche Geldströme gibt, z.B. durch mehrere verdienende Haushaltsmitglieder, geerbtes Eigentum, etc. 

Eine Mitarbeiterin habe ich bereits aus diesem Grund verloren: Ihr Partner hatte sie verlassen und als Alleinerziehende war es ihr mit den angebotenen Betreuungszeiten für ihren Sohn nicht möglich, ein ausreichendes Einkommen zu generieren, um unabhängig von Zuschüssen der Ämter hier in der Region zu leben. Sie ist dann letztlich wieder in ihren Heimatort zu ihren Eltern gezogen. Wieder eine Fachkraft weniger. 

Einnahmemöglichkeit gedeckelt

Ich kann auch davon berichten, dass wir freien Ergotherapiepraxen gar nicht so frei sind, weil natürlich die möglichen Einnahmen (und dadurch auch die Möglichkeiten der Mitarbeitervergütung) durch die Vergütungsstruktur der gesetzlichen Krankenkasse gedeckelt sind. 

2018 wurde ein krankenkassenunabhängiges Wirtschaftlichkeitsgutachten erstellt. Therapeut:innen kennen es unter dem Begriff WAT-Gutachten. Für Mitglieder des Berufsverbandes DVE ist es hier in voller Länge einsehbar: WAT-Gutachten komplett

Nichtmitglieder können hier eine kurze Zusammenfassung lesen: Kernaussagen

 Im Detail kam das unabhängige Institut z.B. zu folgenden Aussagen:

"Um ein angemessenes Inhabereinkommen und eine konkurrenzfähige Mitarbeitervergütung gewährleisten zu können, muss der GKV-Umsatz um 42,31 Prozent (Variante 1) beziehungsweise 56,48 Prozent (Variante 2) erhöht werden. [...] Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der Betrachtungszeitraum für das IST-Einkommen das Jahr 2018 ist und eine prospektive Betrachtung die seitdem angefallenen Veränderungen noch zu berücksichtigen wären."

TAL-Gutachten, Punkt 4.3. "Folgerung für die Preiserhöhung der GKV-Leistungen

Das Magazin Up-aktuell fasst es fachbereichsübergreifend wie folgt zusammen:

Durch Anklicken des Bildes gelangst du zur Originalquelle

Dass mit entsprechender Erhöhung seitens der gesetzlichen Kassen niemals zu rechnen ist muss ich glaube ich nicht erklären. Systematisch wird hier selbst bzgl. eines einfachen Inflationsausgleiches auf Zeit gespielt:

Faktisch geringere Honorare 

Ich kann auch davon berichten, dass die Vergütungsverhandlungen der Berufsverbände mit dem GKV-Spitzenverbandes just in dieser Woche zudem wieder gescheitert sind. Es wird nun mal wieder ein Schiedsverfahren angestrebt, was eine mögliche Lösung aber erneut monatelang in die Zukunft verschiebt. 

Dazu kommt, dass durch die aktuelle Inflation und die stetig steigenden Lebenskosten (nicht nur die privaten Kosten steigen – auch die Ausgabenseite in den Praxen wächst!) das tatsächliche Einkommen weiter reduziert wird.

Auf der Website der Aktion Druck auf GKV ist in der Pressemitteilung zu lesen. „Durch die Vergütung ist wirtschaftliches Arbeiten und adäquate Bezahlung der Mitarbeiter nicht mehr möglich.“

Von den Belastungen in der Coronazeit durch steigende Krankheitstage (in meiner Praxis pro Mitarbeiterin im Schnitt 30 Krankheitstage im Jahr in 2021), durch kurzfristige Absagen von Klient:innen, durch erhöhte Kosten für die Hygieneanforderungen (die an sich schon lächerliche Hygienepauschale von 1,50 Euro pro 10er-Rezept zahlt die Kasse übrigens bereits seit Juli  nicht mehr) könnte ich auch noch ausführlicher berichten, aber diese Belastungen kann man sich meist schon gut so vorstellen. 

Bürokratiewahnsinn

Ich kann ebenfalls davon berichten, dass uns Praxen auch seitens der Krankenkassen immer mehr Bürokratie aufgebrummt wird. So sind wir quasi die unbezahlten Sekretär:innen für die Kassen und zuständig dafür, den gesetzlichen Eigenanteil von 10 Euro pro Rezept und 10% der Behandlungskosten von den erwachsenen Klient:innen einzuziehen. Nicht für uns – nein. Wir müssen das Geld an die Krankenkasse abgeben, die sich weigern, die Einziehung des Betrages selbst in die Hand zu nehmen. 

Unangemessene Prüfpflichten

Ich kann davon berichten, dass wir Prüfpflichten aufgebrummt bekommen. Sicher habt ihr schon mal etwas vom Ärzteregress gehört? Kaum jemand spricht jedoch über die Regresse von uns Therapeut:innen, die gibt es aber auch! Denn es läuft so: Wenn bei der Rezeptausstellung ein Formfehler gemacht wird oder bei der Eintragung der Behandlungstermine vergessen wurde, ein bestimmtes Kürzel einzutragen, dann kommt es vor, dass die Krankenkasse den gesamten Rezeptwert einbehält – wir Therapeut:innen also umsonst gearbeitet haben.

Weiterhin ist es in Deutschland trotz zunehmender Digitalisierung offenbar nicht möglich, die Ärztesoftware so zu programmieren, dass nur noch formal-korrekte Heilmittelrezepte ausgestellt werden können. Bei sehr vielen Rezepten gibt es bereits Formfehler bei der Ausstellung, so dass wir entweder die Klient:innen zum Ändern noch mal in die Arztpraxis zurückschicken oder aber uns selbst um Änderungen kümmern müssen. Unbezahlt – versteht sich.  Ist das fair? Nein, ganz sicher nicht! Macht so etwas wütend? Ja!

Fatale Auswirkungen auf die Patientenversorgung

Jetzt habe ich bisher hauptsächlich aus der Position der Heilmirtelerbringer:innen geschrieben. Letztlich geht es aber um die Gesundheitsversorgung von uns allen! Die Auswirkungen all dieser strukturellen Probleme sind bereits lange spürbar. Insbesondere durch

Monate- bis jahrelange Wartezeiten auf einen Diagnostik- oder Therapieplatz

https://www.druckaufgkv.de

Welche Handlungsmöglichkeiten bleiben?

Ich könnte noch über so viel mehr berichten und vielleicht ergänze ich hier in der nächsten Zeit, um meiner Wut einen Platz zu geben und den Grund meines Frustes mit anderen teilen zu können. 

Bei allen bedrückenden Emotionen gilt, dass es hilfreich ist, nach dem möglichen persönlichen Handlungsspielraum Ausschau zu halten. Aus der Handlungsunfähigkeit in die Handlungsfähigkeit zu kommen quasi.

Also habe ich überlegt, gegrübelt, mich zunächst getadelt, gerechnet, mir von anderen den Kopf waschen lassen und mit kompetenten Kolleg:innen gesprochen. Und es ist klar: 

Ich kann nicht weiter nur auf die gesetzliche Krankenkasse hoffen. 

Ich muss selbst zu der Veränderung beitragen, die ich mir wünsche – und das wäre ein Einkommen, das mir im Wesentlichen folgende Punkte ermöglicht:

Welche Konsequenzen haben sich also ergeben?

Zweites Standbein „Online“

Seit 2020 – noch bevor Corona Einzug hielt – gebe ich bereits Onlinekurse für Eltern und baue somit mein zweites Standbein auf. Neben der eigentlichen Therapie bilde ich online v.a. den Bereich der Prävention ab.

Familien mit Kindergartenkindern, die auf einen Therapieplatz warten, können nun also schon mal an einem meiner Onlinekurse teilnehmen und somit bereits ein paar Erstinformationen erhalten. Ich gebe Tipps und Hinweise, was Eltern zu Hause tun können, um ihre Kinder in der Feinmotorik, Stiftmotorik, Stifthaltung, Malentwicklung und Vorschulentwicklung zu unterstützen. Diese Möglichkeit besteht übrigens unabhängig von einer Anbindung an meine Praxisräume vor Ort und steht allen Eltern im deutschsprachigen Raum zur Verfügung!

Kurzzeittherapie und SOS-Termine

Um die Menschen nicht komplett im Regen stehen zu lassen biete ich SOS-Termine für Entwicklungsdiagnostiken und Kurzzeitinterventionen über bis zu 5 Einheiten an. Somit kann ich eine erste Einschätzung bieten, Infos weitergeben und die Betroffenen können zeitnah ggf. nötige weitere Schritte einleiten (z.B. mit häuslichen Übungen starten, einen Pflegegrad beantragen, einen Termin in der augenärztlichen Praxis wahrnehmen, etc.). Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, denn für einen kostanten, wöchentlichen Therapietermin bestehen auch bei mir Wartezeiten – aber zumindest gibt es damit eine Art Erstversorgung. 

Schwerpunktverlagerung

Ich habe mich in diesem Jahr zudem schweren Herzens entschieden, nur noch das Minimum an Leistung für die gesetzliche Krankenkasse zu erbringen. Das bedeutet, dass meine Praxis fortan nur noch 25 Stunden für die Behandlung von gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen und der Rest der Zeit für Selbstzahler und Privatversicherte vergeben wird.

Dieser Schritt ist mir tatsächlich am schwersten gefallen und die Momente, die zu dieser Entscheidung geführt haben, waren meine emotionalsten als Therapeutin – zumindest in meiner Funktion als Praxisleitung. 

Aber ich habe realisiert, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, die sprichwörtliche Sauerstoffmaske zuerst aufzusetzen. Mir zunächst selbst zu helfen, bevor ich dann weiterhin anderen helfen und weiterhin auch für Mitarbeiter:innen eine zuverlässige Arbeitgeberin sein werde. 

Wenn sich etwas ändern soll muss sich etwas ändern.

Wut beinhaltet auch die Wut-Kraft. Eine Energie, die nicht zwingend destruktiv eingesetzt werden muss. In diesem Sinne bemühe ich mich auch weiterhin, mich für alle Menschen einzusetzen. Es wird auch weiterhin kostenfreie Angebote von mir geben. Und ich werde weiterhin meine Möglichkeiten nutzen, mich für eine Verbesserung im Gesundheitssystem einzusetzen. Lediglich der längerfristige persönliche 1:1-Zugang zu mir wird exklusiver werden, jedoch nicht unmöglich. Hier kannst du nach freien Zeitfenstern Ausschau halten: www.elkekumar.de/termine

#DruckaufGKV

Meine Bitte an alle, die bis hier gelesen haben: 

Falls ihr die Möglichkeit habt, Druck auf Entscheidungsträger auszuüben, um positive Veränderungsprozesse zu initiieren, dann nutzt das bitte.

So, wie das Gesundheitssystem derzeit aufgestellt ist, fahren wir es als Gesellschaft sehenden Auges gegen die Wand. 

Mich macht diese Entwicklung emotional. Sehr sogar!

Wenn wir wollen, dass Menschen unabhängig von ihrem ökonomischen Status noch eine angemessene gesundheitliche Versorgung erfahren, muss sich etwas Grundlegendes ändern. 

Und zwar sehr schnell!

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